ABB Leitungsschutzschalter in Verteilung

Betriebsmäßiges Schalten mit LS oder RCD?

Darf man LS oder RCD als Schalter verwenden?

Was versteht man unter betriebsmäßigem Schalten und welche Schaltgeräte dürfen dafür eingesetzt werden? Darf beispielsweise ein Leitungsschutzschalter regelmäßig zum Ein- und Ausschalten eines Stromkreises verwendet werden? Und wie sieht es mit einem Fehlerstromschutzschalter (RCD) aus? Die Anforderungen an das Trennen und Schalten elektrischer Anlagen werden insbesondere in DIN VDE 0100-460 und DIN VDE 0100-530 geregelt.

In elektrischen Anlagen gibt es verschiedene Gründe, einen Stromkreis zu unterbrechen. Dabei ist jedoch nicht jede Unterbrechung automatisch ein betriebsmäßiges Schalten. Die Norm unterscheidet zwischen unterschiedlichen Schalthandlungen wie Trennen, betriebsmäßigem Schalten, Ausschalten für mechanische Instandhaltung und Ausschalten für Notfälle.

Diese Unterscheidung ist wichtig, weil ein Schaltgerät immer für die Funktion geeignet sein muss, für die es eingesetzt wird.

Was bedeutet betriebsmäßiges Schalten?

Unter betriebsmäßigem Schalten versteht man vereinfacht das Schalten eines Stromkreises oder Betriebsmittels im normalen Betrieb. Ein typisches Beispiel ist das Schalten der Beleuchtung. Wird eine Leuchte über einen Lichtschalter ein- und ausgeschaltet, handelt es sich um einen normalen betrieblichen Schaltvorgang, also betriebsmäßiges Schalten.

Weitere Beispiele sind:

  • Ein- und Ausschalten eines Motors
  • Schalten einer elektrischen Heizung
  • Ein- und Ausschalten einer Maschine
  • Schalten einzelner Anlagenteile
  • Schalten über Schütze oder Relais

Die Anforderungen hierzu finden sich insbesondere in DIN VDE 0100-460 (VDE 0100-460):2018-06 „Errichten von Niederspannungsanlagen – Teil 4-46: Schutzmaßnahmen – Trennen und Schalten“.

Nach Abschnitt 463.1.1 muss im Allgemeinen für Betriebsmittel, bei denen betriebsmäßiges Schalten erforderlich ist, ein dafür geeigneter Schalter vorgesehen werden. Soll ein Teil eines Stromkreises unabhängig von anderen Teilen geschaltet werden, ist hierfür ebenfalls eine entsprechende Schaltmöglichkeit vorzusehen.

Betriebsmäßiges Schalten ist nicht dasselbe wie Trennen

Besonders wichtig ist die Unterscheidung zwischen Schalten und Trennen. Beim betriebsmäßigen Schalten geht es darum, ein elektrisches Betriebsmittel während des normalen Betriebs zu steuern, also die Stromversorgung gezielt ein- und auszuschalten.

Beim Trennen dagegen steht die elektrische Sicherheit im Vordergrund. Hier soll eine Anlage oder ein Teil davon sicher von der Energieversorgung getrennt werden. Daraus lässt sich bereits ein wichtiger Grundsatz ableiten: Nur weil ein Betriebsmittel zum Schalten geeignet ist, ist es noch lange nicht dazu geeignet sicher zu trennen.

Ein gutes Beispiel sind elektronische beziehungsweise halbleiterbasierte Schaltelemente. Sie können einen Stromkreis schalten, ohne eine mechanische Trennstrecke herzustellen.

DIN VDE 0100-530 unterscheidet deshalb ausdrücklich zwischen den unterschiedlichen Funktionen der Geräte. Halbleiterbauelemente dürfen beispielsweise nicht als Trenngeräte verwendet werden. Zum betriebsmäßigen Schalten können dagegen Geräte eingesetzt werden, die den Strom unterbrechen, ohne zwangsläufig eine entsprechende Trennstrecke zu öffnen

Ein elektronischer Dimmer kann beispielsweise eine Beleuchtung betriebsmäßig ausschalten. Daraus folgt jedoch nicht, dass hinter dem Dimmer automatisch ein sicher getrennter Zustand für Arbeiten an der Anlage vorliegt. (siehe auch: Spannungsfreiheit feststellen: Arbeiten im spannungsfreien Zustand)

„Ausgeschaltet“ bedeutet also nicht automatisch „sicher getrennt“.

Für Arbeiten an elektrischen Anlagen müssen deshalb die entsprechenden Anforderungen an das Freischalten und die fünf Sicherheitsregeln beachtet werden.

Welche Geräte dürfen betriebsmäßig schalten?

Die Anforderungen an die Maßnahmen zum Trennen und Schalten enthält DIN VDE 0100-460. Die Anforderungen an die Auswahl und Errichtung der dafür verwendeten Schaltgeräte befinden sich dagegen heute insbesondere in DIN VDE 0100-530 (VDE 0100-530):2018-06, Abschnitt 537.

Das ist wichtig, weil in älteren Fachartikeln teilweise noch DIN VDE 0100-537 genannt wird. Die eigenständige DIN VDE 0100-537:1999-06 ist mittlerweile historisch. Ihre Anforderungen wurden in die 2018 überarbeitete DIN VDE 0100-530:2018-06 aufgenommen.

DIN VDE 0100-530 enthält eine Übersicht der Geräte zum Trennen und Schalten und unterscheidet dabei unter anderem nach ihrer Eignung für:

  • Trennen
  • betriebsmäßiges Schalten und Steuern
  • Ausschalten für mechanische Instandhaltung
  • Not-Ausschaltung

Damit gilt grundsätzlich:

Nicht jedes Gerät, das einen Stromkreis unterbrechen kann, darf automatisch für jede dieser Aufgaben eingesetzt werden.

Die jeweilige Produktnorm und die vom Hersteller vorgesehene Verwendung müssen berücksichtigt werden.

Typische Einrichtungen zum betriebsmäßigen Schalten sind beispielsweise geeignete:

  • Schalter
  • Lastschalter
  • Schütze
  • Relais
  • Stromstoßschalter
  • elektronische Schaltgeräte

Welches Gerät geeignet ist, hängt insbesondere von Spannung, Strom, Lastart und der Anzahl beziehungsweise Häufigkeit der Schaltvorgänge ab.

Lastart beim Schalten beachten

Beim Schalten kommt es nicht nur auf den Nennstrom des Stromkreises an. Ein Schaltgerät muss für die tatsächlich auftretende Last geeignet sein.

Eine rein ohmsche Last verhält sich beim Schalten anders als beispielsweise:

  • ein Elektromotor,
  • ein Transformator,
  • ein LED-Netzteil,
  • eine kapazitive Last oder
  • eine andere elektronische Last.

Beim Einschalten eines Motors können beispielsweise deutlich höhere Ströme auftreten als während des normalen Betriebs. Auch LED-Beleuchtungsanlagen können durch die Eingangskondensatoren der elektronischen Vorschalt- beziehungsweise Netzgeräte sehr hohe, wenn auch nur kurzzeitige Einschaltströme verursachen.

Deshalb darf nicht ausschließlich nach dem Betriebsstrom entschieden werden, welches Schaltgerät eingesetzt wird. Bei Schützen und anderen Schaltgeräten spielen dafür unter anderem die vom Hersteller angegebenen Gebrauchskategorien und zulässigen Schaltleistungen eine Rolle.

Ein Schalter mit einem aufgedruckten Nennstrom von beispielsweise 16 A ist daher nicht automatisch für jede beliebige 16-A-Last und beliebig viele Schaltvorgänge geeignet.

Betriebsmäßiges Schalten mit Leitungsschutzschalter

Ein Leitungsschutzschalter – kurz LS-Schalter – besitzt zunächst eine Hauptaufgabe: Er schützt wie der Name schon sagt, Kabel und Leitungen gegen die Auswirkungen von Überstrom, insbesondere bei Überlast und Kurzschluss.

Häufig werden Leitungsschutzschalter aber auch zum Ein- oder Ausschalten von Stromkreisen wie beispielsweise einer Ladenbeleuchtung eingesetzt. Nach DIN VDE 0100-530 dürfen Schutzeinrichtungen wie Sicherungen, Trennschalter und AFDDs (Fehlerlichtbogen-Schutzeinrichtungen) nicht zum betriebsmäßigen Schalten genutzt werden.

In Bezug auf Leitungsschutzschalter und Fehlerstromschutzschalter* enthält diese Norm lediglich die Empfehlung, Leitungsschutzschalter und RCDs nicht zum häufigen betriebsmäßigen Schalten vorzusehen. Allerdings heißt es weiter: Werden sie als Schutzeinrichtung z.b. nach VDE 0100-410 verwendet (was so ziemlich immer der Fall sein dürfte), dürfen auch LS und RCD nicht für betriebsmäßiges Schalten genutzt werden. Das Schalten zwecks Prüfung, Wartung oder Instandhaltung ist hiervon ausgenommen.

Darf ein RCD betriebsmäßig geschaltet werden?

Für den Fehlerstromschutzschalter gilt letztlich das Gleiche, wie für einen Leitungsschutzschalter. Auch ein RCD dient als Schutzeinrichtung. Seine Aufgabe ist der Personenschutz durch das Abschalten bei auftretenden Fehlerströmen.

Auch beim RCD wird laut DIN VDE 0100-530 ein regelmäßiges, betriebsmäßiges Schalten ausdrücklich nicht empfohlen.

Betriebsmäßiges Schalten, Trennen, Instandhaltung und Not-Aus unterscheiden

All diese Begriffe finden sich in der DIN VDE 0100-530 unter dem Absatz 537 „Einrichtungen zum Trennen und Schalten“. Dabei ist es wichtig diese Begriffe korrekt auseinander zu halten, da sie alle unterschiedliche Aufgaben haben. Doch auch Elektrofachkräften fällt diese Differenzierung häufig schwer.

Betriebsmäßiges Schalten

Betriebsmäßiges Schalten dient dem Schalten als normale Funktion einer Anlage. Beispielsweise das Ausschalten der Beleuchtung mit einem Schalter oder das Schalten eines Motors über ein Schütz.

Trennen

Beim Trennen soll eine sichere Trennung von der elektrischen Energieversorgung hergestellt werden. Die Anforderungen sind höher als beim reinen betriebsmäßigen Ausschalten. Ein Gerät, das lediglich einen Stromfluss elektronisch unterbricht, erfüllt deshalb nicht automatisch eine Trennfunktion.

DIN VDE 0100-530 legt Bedingungen fest, die Betriebsmittel zum Trennen erfüllen müssen

  • Trennvorrichtungen müssen die Überspannungskategorie ihres Einbauortes erfüllen, wobei mindestens Überspannungskategorie III oder IV erfüllt sein muss
  • Einrichtungen als Trennvorrichtung müssen so gebaut sein, dass ein versehentliches Schließen verhindert wird
  • Auch unbefugtes oder zufälliges Öffnen muss verhindert werden. Dies darf auch durch den Einbau in einen entsprechend abschließbaren Schaltschrank erfolgen.
  • Trennvorrichtungen benötigen eine mehrpolig Schaltvorrichtung, die alle Außenleiter der zugeordneten Versorgung trennt.
  • Halbleiter dürfen nicht zum Trennen eingesetzt werden

Ausschalten für mechanische Instandhaltung

Eine weitere Funktion ist das Ausschalten für mechanische Instandhaltungsarbeiten. Hier soll insbesondere verhindert werden, dass elektrisch betriebene Betriebsmittel während mechanischer Arbeiten unerwartet anlaufen beziehungsweise weiterbetrieben werden und dadurch eine Gefahr entsteht.

Die Abschaltung zur mechanischen Instandhaltung muss im Versorgungskreis installiert werden. Der neutralleiter muss nicht zwangsläufig mit abgeschaltet werden. Schalter für die mechanische Instandhaltung müssen zur Handbedienung vorgesehen sein, also keine Fernschalter oder ähnliche Steuerungen.  Die Schalterstellung muss zuverlässig angezeigt werden.

Beispiele aus der Praxis

Lichtschalter

Ein normaler Lichtschalter wird täglich betätigt. Das ist ein klassischer Fall des betriebsmäßigen Schaltens.

Stromstoßschalter

Auch ein Stromstoßschalter, über einen Taster betätigt, dient typischerweise dem betriebsmäßigen Schalten, beispielsweise einer Beleuchtungsanlage.

Schütz für einen Motor

Ein Schütz kann einen Motor betriebsmäßig ein- und ausschalten. Das Schütz muss dabei für die entsprechende Last und Anwendung ausgewählt werden.

Leitungsschutzschalter

Der LS dient in erster Linie dem Überstromschutz. Die VDE 0100-530 weist ausdrücklich darauf hin, dass ein LS-Schalter nicht für das betriebsmäßige Schalten empfohlen wird. An anderer Stelle wird sogar ausdrücklich die Bedingung aufgestellt, dass ein LS nur dann zum betriebsmäßigen Schalten erlaubt ist, wenn dieser keine Schutzfunktion erfüllt.

RCD

Der RCD dient dem Fehlerstromschutz und sollte ebenso wie der Leitungsschutzschalter nicht als Gerät zum betriebsmäßigen Schalten verwendet werden.

Elektronischer Schalter

Ein elektronischer Schalter oder andere Halbleiter können ein Betriebsmittel betriebsmäßig ausschalten. Daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass eine sichere Trennung vorhanden ist. Halbleiterbauelemente dürfen nicht als Trenngeräte verwendet werden.

CEE-Steckvorrichtung

Auch eine Steckvorrichtung darf nicht pauschal als Betriebsschalter betrachtet werden. Ob sie unter Last gesteckt beziehungsweise getrennt werden darf, hängt von ihrer dafür vorgesehenen Ausführung ab. Nach VDE 0100-530 Anhang Tabelle B1 dürfen Steckvorrichtungen zwar zum Trennen verwendet werden. Nicht jedoch zum betriebsmäßigen Schalten oder als Not-Aus. Zum Betriebsmäßigen schalten dürfen diese nur dann verwendet werden, wenn sie dafür geeignet sind unter Last gesteckt oder gezogen zu werden. Steckdosen dagegen sind grundsätzlich nicht zum Schalten zu gelassen sondern lediglich zum Trennen.

Fazit: Betriebsmäßiges Schalten richtig umsetzen

Unter betriebsmäßigem Schalten versteht man das Ein-, Ausschalten beziehungsweise Steuern elektrischer Betriebsmittel oder Stromkreise während des normalen Betriebs.

Wichtig ist vor allem die Unterscheidung zwischen betriebsmäßigem Schalten und sicherem Trennen. Ein Gerät, das einen Stromkreis ausschalten kann, erfüllt nicht zwangsläufig die Anforderungen an eine Trenneinrichtung. Das ist insbesondere deshalb wichtig, da das Trennen ein sicherheitsrelevanter Vorgang zum Beispiel zum Arbeiten an elektrischen Anlagen ist.

Ein Leitungsschutzschalter ist primär eine Überstrom-Schutzeinrichtung. Ob er zusätzlich für Schaltvorgänge eingesetzt werden kann, muss anhand des konkreten Einzelfalls betrachtet werden. Ich persönlich würde niemals Leitungsschutzschalter oder Fehlerstromschutzschalter als Betriebsmitel zum Schalten verwenden. Diese Geräte sind Schutzorgane und sollten maximal zum Freischalten für Arbeiten oder Messungen verwendet werden.

Verwendete Normen und Quellen

  • DIN VDE 0100-460 (VDE 0100-460):2018-06 – Errichten von Niederspannungsanlagen, Teil 4-46: Schutzmaßnahmen – Trennen und Schalten. Die DKE führt diese Ausgabe aktuell als gültig
  • DIN VDE 0100-530 (VDE 0100-530):2018-06 – Auswahl und Errichtung elektrischer Betriebsmittel – Schalt- und Steuergeräte; insbesondere Abschnitt 537
  • DIN EN 60898-1 (VDE 0641-11) – Produktnorm für Leitungsschutzschalter für Hausinstallationen und ähnliche Zwecke.
  • Produktnormen der Reihe DIN EN 61008 (VDE 0664) beziehungsweise DIN EN 61009 (VDE 0664) für entsprechende Fehlerstrom-Schutzeinrichtungen.
  • DKE: Hinweise zu RCDs und den Anforderungen aus DIN VDE 0100-530; insbesondere keine Verwendung von RCDs zum betriebsmäßigen Schalten.
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