Deutschland hat bislang eine gemeinsame Strompreiszone: Unabhängig davon, ob Strom in Schleswig-Holstein, Bayern oder Hessen erzeugt oder verbraucht wird, gilt am Großhandelsmarkt grundsätzlich derselbe Börsenstrompreis. Hamburg und Schleswig-Holstein stellen dieses Modell nun infrage. Ihr Vorschlag: Der Norden könnte eine eigene Strompreiszone bilden. Auch ein Verbund mit Westdänemark steht dabei im Raum. Dahinter steckt ein grundlegendes Problem der Energiewende: Ein großer Teil des Windstroms entsteht im Norden, während große Abnehmer sich in anderen Regionen Deutschlands finden.
Ende September 2026 haben Hamburg und Schleswig-Holstein die Diskussion um die deutschen Strompreiszonen erneut angeheizt. Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher und Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther sprechen sich für eine stärkere Anbindung des norddeutschen Strommarktes an Skandinavien aus.
Die Idee klingt zunächst radikal. Tatsächlich beschäftigt die Frage, ob Deutschland weiterhin eine einzige Strompreiszone bleiben sollte, die Energiewirtschaft jedoch schon seit Jahren.
Warum hat Deutschland überhaupt nur einen Strompreis?
Deutschland und Luxemburg bilden derzeit eine gemeinsame sogenannte Gebotszone. Innerhalb einer solchen Zone können Stromerzeuger und Stromhändler Energie handeln, ohne dass dabei die tatsächlichen Transportkapazitäten zwischen einzelnen Regionen unmittelbar in der Preisbildung berücksichtigt werden. So kostet günstiger Windstrom aus Norddeutschland den gleichen Preis wie PV-Strom aus Süddeutschland oder Kohlestrom aus Nordrhein-Westfalen.
ACER, die europäische Agentur für die Zusammenarbeit der Energieregulierungsbehörden, beschreibt eine Gebotszone vereinfacht als das größte Gebiet, innerhalb dessen Angebote und Nachfragen zusammengeführt werden können, ohne für den Handel innerhalb der Zone grenzüberschreitende Übertragungskapazitäten berücksichtigen zu müssen.
Das bedeutet: An der Strombörse werden innerhalb einer solchen Gebotszone keine Netzkapazitäten oder unterschiedliche Erzeugungskosten berücksichtigt. Genau hier beginnt allerdings das Problem.
Denn das deutsche Stromnetz ist keineswegs überall gleich gut ausgebaut. Im Norden Deutschlands stehen große Mengen Windenergie zur Verfügung. Gleichzeitig befinden sich bedeutende Verbrauchs- und Industriestandorte im Westen und Süden Deutschlands.
Der Stromhandel kann innerhalb der deutschen Gebotszone zunächst so stattfinden, als wären ausreichende Übertragungskapazitäten vorhanden. Das tatsächliche Stromnetz kann die daraus resultierenden Energieflüsse aber nicht zu jedem Zeitpunkt bewältigen.
Viel Windstrom im Norden – Netzengpässe Richtung Süden
Besonders bei starkem Wind kann in Norddeutschland zeitweise sehr viel günstiger Strom erzeugt werden. Kann dieser Strom wegen begrenzter Netzkapazitäten nicht vollständig in andere Regionen transportiert werden, müssen die Netzbetreiber eingreifen. Ein wichtiges Instrument dafür ist der Redispatch.
Vereinfacht dargestellt wird dabei beispielsweise die Erzeugung vor einem Netzengpass reduziert, während hinter dem Engpass andere Kraftwerke ihre Erzeugung erhöhen. Dadurch verändert sich der physikalische Stromfluss, obwohl die ursprünglichen Handelsgeschäfte am Strommarkt bereits stattgefunden haben.
Diese Eingriffe verursachen erhebliche Kosten. Nach Angaben im Monitoringbericht 2025 lagen die Gesamtkosten des Netzengpassmanagements 2024 bei rund 2,9 Milliarden Euro. Davon entfielen rund 1,87 Milliarden Euro auf Redispatch 2.0 und Countertrading.
Was Hamburg und Schleswig-Holstein jetzt vorschlagen
Genau an diesem Punkt setzt die norddeutsche Initiative an. Hamburg und Schleswig-Holstein wollen die Möglichkeit prüfen, dass der Norden eine eigene Strompreiszone erhält und stärker mit dem skandinavischen Strommarkt verbunden wird. Besonders konkret ist dabei ein Konzept der IHK Schleswig-Holstein.
Vorgeschlagen wird eine gemeinsame Energie- beziehungsweise Stromzone aus:
- Schleswig-Holstein,
- Hamburg und
- Westdänemark (DK1)
Die IHK bezeichnet das Konzept als NordicTwinSeaZone (NTSZ).
Dadurch könnte der im Norden erzeugte erneuerbare Strom stärker regional genutzt werden. Anstatt Strom beispielsweise rechnerisch nach Süddeutschland zu verkaufen und anschließend aufgrund eines Netzengpasses Windkraftanlagen abzuregeln und andere Kraftwerke hochzufahren, würde der Marktpreis bereits signalisieren, dass im Norden viel Strom vorhanden ist.
Könnte Strom im Norden dadurch günstiger werden?
Das ist einer der interessantesten Punkte des Modells. Bei einer Aufteilung Deutschlands in mehrere Strompreiszonen könnten sich unterschiedliche Börsenstrompreise entwickeln.
In einer Region mit viel Stromerzeugung und vergleichsweise geringer Nachfrage wäre der Großhandelspreis tendenziell niedriger. In einer Region mit hoher Nachfrage und wenig verfügbarer Erzeugung könnte er dagegen höher ausfallen. Norddeutschland könnte deshalb von niedrigeren Großhandelspreisen profitieren.
Umgekehrt besteht genau deshalb erheblicher Widerstand gegen eine Aufteilung der deutschen Strompreiszone – insbesondere aus Süddeutschland, allen voran aus Bayern.
Wichtig ist allerdings: Ein niedrigerer Börsenstrompreis bedeutet nicht automatisch, dass die Stromrechnung eines Haushalts im gleichen Umfang sinkt. Der Endkundenpreis besteht nicht nur aus den Beschaffungskosten des Stromlieferanten. Hinzu kommen unter anderem Netzentgelte, Steuern, Umlagen, Messstellenbetrieb und Vertriebskosten.
Nach Angaben der Bundesnetzagentur machen Beschaffung, Vertrieb und Marge derzeit rund 43,5 Prozent des Haushaltsstrompreises aus; ein weiterer großer Anteil entfällt auf die Netzentgelte. Regionale Börsenstrompreise würden sich deshalb nur auf einen Teil des endgültigen Strompreises auswirken.
Eigene Strompreiszone könnte Industrie in den Norden locken
Interessant ist eine norddeutsche Strompreiszone nicht nur für private Haushalte. Noch bedeutender könnten die Auswirkungen für große Stromverbraucher wie energieintensive Industrien sein. Günstiger Strom in Regionen mit hoher Windstromproduktion würde einen wirtschaftlichen Anreiz schaffen, neue Verbraucher genau dort anzusiedeln.
Dazu könnten beispielsweise gehören:
- Elektrolyseure zur Wasserstoffproduktion,
- Rechenzentren,
- Batteriespeicher,
- stromintensive Industrie,
- andere Großverbraucher
Damit würde sich langfristig nicht nur die Stromerzeugung nach den Verbrauchern richten. Auch neue Verbraucher könnten verstärkt dort entstehen, wo besonders viel Strom verfügbar ist.
Fraunhofer-Institut untersucht gemeinsame Zone mit Dänemark
Die Idee einer gemeinsamen norddeutsch-dänischen Strompreiszone wurde inzwischen wissenschaftlich untersucht. Das Fraunhofer-Institut für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik IEE analysierte die NordicTwinSeaZone im Auftrag der Gesellschaft für Energie und Klimaschutz Schleswig-Holstein.
Dafür wurden Strommarktsimulationen für das Jahr 2030 durchgeführt. Nach Angaben des Fraunhofer IEE könnte eine gemeinsame Strompreiszone aus Schleswig-Holstein, Hamburg und Westdänemark unter anderem:
- die Abriegelung erneuerbarer Energien bei Überschüssen reduzieren,
- Strompreisspitzen abschwächen,
- zusätzliche Anreize für flexible Stromverbraucher schaffen und
- insbesondere den wirtschaftlichen Betrieb von Elektrolyseuren unterstützen.
Damit könnte überschüssiger erneuerbarer Strom häufiger direkt vor Ort genutzt werden.
Deutschland könnte sogar in fünf Strompreiszonen geteilt werden
Die Diskussion geht allerdings weit über Schleswig-Holstein und Hamburg hinaus. Im europäischen Bidding Zone Review wurde untersucht, ob die bestehende deutsch-luxemburgische Strompreiszone grundsätzlich anders zugeschnitten werden sollte.
Dabei wurden verschiedene Varianten simuliert.
Besonders interessant: Nach Berechnungen der europäischen Übertragungsnetzbetreiber hätten sämtliche untersuchten Aufteilungen der deutsch-luxemburgischen Gebotszone eine höhere wirtschaftliche Effizienz als der Status quo erzielt.
Die größte berechnete Verbesserung erreichte eine Variante mit fünf Gebotszonen. Für das untersuchte Zieljahr 2025 wurde dabei ein wirtschaftlicher Vorteil von rund 339 Millionen Euro pro Jahr gegenüber der bestehenden Gebotszone ermittelt. Doch selbst diese Zahl könnte nach Einschätzung von ACER zu niedrig angesetzt sein.
Die europäische Regulierungsagentur kritisierte bestimmte Annahmen der Untersuchung und kam zu dem Ergebnis, dass der wirtschaftliche Vorteil verschiedener alternativer Gebotszonenkonfigurationen sogar in einer Größenordnung von 450 bis 540 Millionen Euro jährlich liegen könnte. Dabei geht es allerdings um volkswirtschaftliche Effizienzgewinne – nicht um eine entsprechende direkte Ersparnis auf den Stromrechnungen der Verbraucher.
Was spricht gegen mehrere Strompreiszonen?
Eine Aufteilung Deutschlands hätte nicht nur Vorteile. Einer der größten Kritikpunkte wären die unterschiedlichen regionalen Strompreise. Während Regionen mit hoher erneuerbarer Stromproduktion profitieren könnten, könnten andere Regionen höhere Preise zahlen.
Hinzu kommen weitere mögliche Nachteile:
Eine kleinere Gebotszone besitzt grundsätzlich weniger Marktteilnehmer und damit möglicherweise eine geringere Marktliquidität. Unternehmen müssten ihre langfristigen Stromlieferverträge anpassen. Kraftwerks-, Speicher- und Industrieinvestitionen könnten neu bewertet werden. Auch die Umstellung des Stromhandels selbst verursacht Kosten.
Eine Analyse des Ariadne-Projekts beziffert die möglichen einmaligen Umstellungskosten je nach Zonenkonfiguration auf etwa 1,2 bis 2,4 Milliarden Euro.
Bundesregierung will die einheitliche Strompreiszone behalten
Die Bundesregierung verfolgt derzeit einen anderen Weg. Im Dezember 2025 veröffentlichte das Bundeswirtschaftsministerium seinen neuen Aktionsplan Gebotszone und sprach sich ausdrücklich für den Erhalt der gemeinsamen deutsch-luxemburgischen Stromgebotszone aus.
Statt regional unterschiedlicher Strompreise sollen unter anderem:
- Übertragungskapazitäten erhöht,
- Stromnetze weiter ausgebaut,
- Engpässe besser gemanagt und
- Stromerzeugung, Verbrauch und Speicher stärker aufeinander abgestimmt werden.
Die Bundesregierung argumentiert außerdem, dass eine Aufteilung regionale Kostenunterschiede verursachen, Investitionsunsicherheit schaffen und die Wirtschaftlichkeit bestehender Anlagen verändern könnte. Auch 2026 bekräftigte das Bundeswirtschaftsministerium deshalb seine Position zugunsten einer einheitlichen Gebotszone.
Warum die Diskussion trotzdem nicht beendet ist
Damit stehen sich letztlich zwei unterschiedliche Ansätze gegenüber. Beim bisherigen Modell soll Deutschland einen großen gemeinsamen Strommarkt behalten und die dahinterliegenden Netzengpässe vor allem durch Netzausbau und Netzmanagement lösen.
Das alternative Modell würde einen Teil dieser Engpässe bereits im Strompreis sichtbar machen. Ist im Norden viel Windstrom vorhanden und die Leitung Richtung Süden ausgelastet, könnte der Strompreis im Norden sinken. Verbraucher, Batteriespeicher oder Elektrolyseure hätten dadurch einen finanziellen Anreiz, genau dort mehr Strom aufzunehmen.
Im Süden könnte gleichzeitig ein höherer Preis signalisieren, dass dort zusätzliche Erzeugung oder weniger Verbrauch sinnvoll wäre.
Der Strommarkt würde sich damit stärker an der tatsächlichen Situation des Stromnetzes orientieren.
Fazit: Eigene Strompreiszone für Norddeutschland ist mehr als eine politische Forderung
Die Forderung aus Hamburg und Schleswig-Holstein zeigt einen grundsätzlichen Konflikt der deutschen Energiewende. Deutschland baut enorme Mengen Windenergie im Norden und Offshore in Nord- und Ostsee aus. Gleichzeitig stockt der Ausbau insbesondere in südlichen Bundesländern wie Bayern. Auch konzentrieren sich große Verbraucher in anderen Regionen wie Mittel- und Süddeutschland.
Solange die Stromnetze diese Energiemengen nicht jederzeit transportieren können, müssen Netzbetreiber regelmäßig in den Markt eingreifen. Eine eigene norddeutsche Strompreiszone könnte dieses Problem nicht vollständig beseitigen. Sie könnte aber dafür sorgen, dass Netzengpässe stärker im Marktpreis berücksichtigt werden und damit Anreize schaffen, Strom dort zu verbrauchen, zu speichern oder in Wasserstoff umzuwandeln, wo er tatsächlich verfügbar ist.
Dass die Idee nicht nur theoretisch interessant ist, zeigen sowohl die europäischen Untersuchungen zur Aufteilung der deutschen Gebotszone als auch die Fraunhofer-Analyse zur NordicTwinSeaZone.
Politisch ist eine Umsetzung dennoch schwierig. Die Bundesregierung hält weiterhin an der einheitlichen Strompreiszone fest, während Hamburg und Schleswig-Holstein zunehmend auf regionale Preissignale drängen.
Damit dürfte die entscheidende Frage in den kommenden Jahren lauten: Soll Deutschland weiterhin überall denselben Börsenstrompreis haben – oder soll der Strom künftig dort günstiger werden, wo besonders viel davon produziert wird?
Quellen und weiterführende Informationen
- Bundesministerium für Wirtschaft und Energie: Aktionsplan Gebotszone 2025
- Bundesnetzagentur: Informationen zu Netzengpässen, Redispatch und Netzentgelten
- ENTSO-E: Bidding Zone Review
- ACER: Bewertung des europäischen Bidding Zone Review
- Fraunhofer IEE: Untersuchung zur NordicTwinSeaZone
- IHK Schleswig-Holstein: Konzept einer gemeinsamen Stromzone Schleswig-Holstein/Hamburg/Westdänemark
- Ausgangspunkt der aktuellen Debatte: Focus Online/dpa vom 30. September 2026