Sind wir in Deutschland überreguliert? Zu viele Vorschriften, zu viel Bürokratie und zu wenig Eigenverantwortung – Die Diskussion über einen Bürokratieabbau ist in Deutschland immer wieder ein großes Thema. Auch im Bereich Elektrotechnik wird immer wieder kritisiert, dass wir mit VDE- und DIN-Normen überreguliert und unnötig kompliziert sind. Doch ist das wirklich so? Wie stehen wir im internationalen Vergleich da und haben unsere umfangreichen Vorschriften einen Nutzen?
Ich habe versucht mich diesem Thema anhand von internationalen Vorschriften, Unfallstatistiken zu Stromunfällen und Stromtoten sowie Brandursachenstatistiken zu nähern. Der Vergleich mit anderen Ländern ist sehr schwierig. Viele Länder erfassen ihre Unfälle nicht strukturiert, andere schlüsseln Stromunfälle nicht getrennt von Blitzschlägen auf, wieder andere rechnen in ihre offiziellen Statistiken nur Arbeitsunfälle ein. Wieder andere Länder erfassen solche Unfälle überhaupt nicht. Aber ich habe versucht mit den verfügbaren Daten einen Vergleich zu schaffen.
Vorschriften Weltweit: Fast überall Regeln – aber nicht überall gleich streng
Die globale Grundlage: Der IEC-Standard
Die Internationale Elektrotechnische Kommission (englisch International Electrotechnical Commission, kurz IEC) ist eine internationale Normungsorganisation für Normen im Bereich der Elektrotechnik und Elektronik mit Sitz in Genf. Die IEC entwickelt international gültige Standards für die gesamte Elektrotechnik. Dazu gehört die Wandlung und Verteilung elektrischer Energie, Elektronik, Elektromagnetismus und Magnetisums, Elektrostatik, Elektroakustik, Multimedia, Telekommunikation und Medizintechnik. Dazu gehören auch Regelungen zu Fachbegriffen und Symbolen, elektromagnetische Verträglichkeit, Messtechnik sowie Design und Entwicklung von elektrischen Schaltungen sowie Sicherheit und Umweltschutz. Viele nationale Normen orientieren sich an den Standards der IEC. Somit wird eine internationale Grundlage für einheitliche Regelungen geschaffen.
Nationale Unterschiede trotz IEC-Standards
Trotz internationaler Standards wie dem IEC, gibt es in der nationalen Umsetzung große Unterschiede. Durch die IEC wird gewährleistet, dass Leitungsquerschnitte international genormt sind, Batterien und Spannungen international vergleichbar sind oder Auslösecharakteristiken für Leitungsschutzschalter überall gleich sind. National unterscheidet sich die Umsetzung vorallem in einigen Punkten
- Detailtiefe: Länder wie Deutschland haben teilweise sehr detailliert ausgeführte Vorschriften und gehen auf viele Eventualitäten ein. Es ist damit eine sehr einheitliche Arbeitsweise bei der Installation von elektrischen Anlagen gewährleistet. Andere Länder lassen hier zum Teil mehr Spielraum zu.
- Pflichtumfang: Die einzelnen Länder unterscheiden sich zum Teil darin welche Pflichtanforderungen an eine elektrische Anlage gestellt werden. So reicht es in manchen Ländern einen RCD für ein gesamtes Wohnhaus vorzusehen, während in anderen Ländern Fehlerstrom-Leitungsschutzschalter (FI/LS) zum Standard gehören. So sind in Deutschland beispielsweise 1-Polige Leitungsschutzschalter* Standard, in anderen Ländern zweipolige LS-Schalter vorgeschrieben.
- Kontrolle und Abnahmen: Es wird von Land zu Land sehr unterschiedlich gehandhabt, in welchem Umfang Anlagen zu prüfen sind. Während in Deutschland die Elektrofachkraft selbst prüft und ihre Prüfungen dokumentieren muss, gibt es in anderen Ländern staatliche Inspektoren, die elektrische Anlagen regelmäßig oder nach Fertigstellung prüfen.
Deutschland: Sehr hohe Anforderungen an Sicherheit
Deutschland legt in seinen Normen wie VDE und DIN einen besonderen Fokus auf das Thema Sicherheit. Insbesondere sind bei uns Themen wie Schutzmaßnahmen gegen elektrischen Schlag sehr streng geregelt. Auch gibt es eine klare Trennung zwischen Elektrofachkräften und elektrotechnischen Laien sowie elektrotechnisch unterwiesenen Personen oder Elektrofachkräften für festgelegte Tätigkeiten.
Großbritanien: Ähnlich streng, aber anders organisiert
Auch in Großbritanien gibt es klare und strenge Vorschriften in der Elektrotechnik. Im Vereinigten Königreich sind die Wiring Regulations BS 7671 der technische Standard. Im Wohnbau spielt zusätzlich Part P (Building Regulations) eine zentrale Rolle: Elektrische Arbeiten müssen die gesetzlichen Sicherheitsanforderungen erfüllen; bestimmte Arbeiten sind meldepflichtig bzw. müssen zertifiziert werden (oder über „Competent Person Schemes“ laufen).
USA: NEC ist streng, aber anders gewichtet
Die haben mit dem NEC (National Electric Code) ebenfalls ein sehr starkes und umfangreiches Regelwerk zum Thema Elektroinstallation. Der Fokus in den USA ist aber ein anderer. Während bei uns ein sehr hoher Fokus auf dem Personenschutz liegt, hat der NEC einen stärkeren Fokus auf Brandschutz. Das mag auch ein Grund sein, warum die Zahl der Stromtoten in den USA deutlich höher, die Zahl der erfassten Brände aber niedriger ist als bei uns.
Die Umsetzung und Kontrolle unterscheidet sich in den USA aber sehr stark je nach Region. Die Vorschriften des NEC sind in den USA in die lokalen Bauordnungen eingegliedert und damit vielerorts Gesetz. Jedoch kann die Umsetzung und Kontrolle stark varriieren je nach BEzirk. So reicht die Umsetzung in den USA je nach Region von top professionell bis „wild west“.
Welche Folgen haben weniger strenge Vorschriften?
Welche Folgen weniger strenge Vorschriften haben ist schwer vergleichbar. Im großen und ganzen kann man aber folgende negative Auswirkungen feststellen, wenn elektrotechnische Arbeiten weniger geregelt sind:
- Mess- und Prüfprotokolle sind oft nicht vorhanden, ob Abschaltzeiten eingehalten werden und Schutzmaßnahmen wirksam sind, ist damit nicht immer sichergestellt
- Die Ausführungsqualität unterliegt einer deutlich größeren Streuuung. So kann man Glück haben und eine sehr gute Ausführung vorfinden, aber auch sehr schlechte und gefährliche Installationen sind möglich.
- Höheres Risiko für Brände und Stromunfälle: Durch fehlende Standards werden Schutzmaßnahmen häufig weniger konsequent umgesetzt. Insbesondere Fehlerstromschutzschalter, der richtige Überlast- und Kurzschlussschutz und grundlegende Schutzmaßnahmen können stark variieren.
Internationaler Vergleich von Stromunfällen
Kommen wir aber zu den harten Fakten, die wir als Messlatte für die Effizienz von elektrotechnischen Normen heranziehen können: Die Anzahl von Stromunfällen und Stromtoten in einem Land.
Leider ist es zum Teil sehr schwierig an belastbare Zahlen und Statistiken zu kommen. Auch unterscheidet sich die Art der Erfassung von Verletzungen und Totesfällen je nach Land stark. Einige Länder zählen gar keine Stromunfälle, andere zählen zu Stromunfällen auch Blitzschläge. Daher habe ich hier nur Länder verglichen, für die es offizielle, behördliche Zahlen oder ICD-10 Schlüssel gibt.
Thailand, insbesondere Bangkok: Viele Verletzte und Todesfälle durch elektrischen Schlag
Für Thailand finden sich Zahlen nur für den Großraum Bangkok als Hauptstadt mit ca. 10 Millionen Einwohnern. Nach offiziellen Angaben erleiden in Bangkok pro Jahr im Mittelwert 548 Menschen einen tödlichen Stromschlag. Weitere ca. 13.000 Menschen werden durch elektrischen Stromschlag verletzt Damit liegt Bangkok bei ca. 55 Stromtoten auf eine Millionen Einwohner pro Jahr.
Indien: Systematische Erfassung von Todesfällen
Auch Indien wird häufig für Vergleiche herangezogen, dass man dort auch ohne DIN und VDE auskommt und trotzdem alles funktioniert. Betrachtet man jedoch die Zahl der Todesfälle durch elektrischen Strom, bekommt man einen anderen Eindruck.
Indien erfasst in den ADSI-Daten (Accidental Deaths & Suicides) auch Todesfälle durch elektrischen Schlag sehr genau. So kam es in Indien
- 2022 zu 12.971
- 2023 zu 13.873
tödlichen Stromschlägen pro Jahr. Rechnet man das bei 1,4 Milliarden Einwohnern auf eine Millionen Einwohner runder kommen wir auf folgende Werte:
- 2022 mit 8,94 Tote pro 1 Mio. Ew.
- 2023 mit 9,54 Tote pro 1 Mio. Ew.
USA: Wenige Brände, dafür viele Stromtote
In den USA gibt es verglichen mit der Einwohnerzahl weniger Brände als in Deutschland. Sieht man sich die Zahl der Todesfälle an, sieht es aber wieder anders aus.
Die USA erfassen im Jahr 2023 142 tödliche Arbeitsunfälle durch “exposure to electricity” (CFOI/BLS-Auswertung, z. B. NFPA Research) NFPA+1. Bei einer Bevölkerung von 340.110.988 macht das ca. 0,42 Tote auf 1 Mio. Ew. Eine Aufschlüsselung pro Erwerbstätigen äre dabei sinnvoller. Insgesamt kommt es in den USA pro Jahr zu ca. 254 Stromtoten pro Jahr. Das entspricht 0,75 Toten pro 1 Mio. Ew.
Deutschland: Viele Vorschriften und wenige Totdesfälle
Kommen wir abschließend zur Frage: Wie sieht die Situation in Deutschland aus?
In Deutschland werden Stromtote sowohl über ICD-10 insgesamt erfasst. Hier liegt Deutschland mit 23 Totesfällen durch elektrischen Strom bei 83,5 Millionen Einwohnern bei 0,28 Todesfällen pro 1 Mio. Einwohner. Das ist selbst im Vergleich mit den USA sehr wenig. Im Bereich der Arbeitsunfälle liegt Deutschland laut Angaben der BG ETEM bei im Schnitt zwei Todesfällen durch Stromschlag im Jahr. Das entspricht 0,024 Todesfällen durch elektrischen Schlag bei Arbeitsunfällen.
Stromunfälle im internationalen Vergleich
| Land | Jahr / Kategorie | Tote | Tote pro 1 Mio. Einwohner |
|---|---|---|---|
| Indien | 2023 | 13.837 | 9,54 |
| Bangkok | k.a. | 548 | 55 |
| USA | Arbeitsunfälle (AU) | 142 | 0,42 |
| USA | Insgesamt | 254 | 0,75 |
| Deutschland | 2023 | 23 | 0,28 |
| Deutschland | Arbeitsunfälle (AU) | 2 | 0,024 |
Fazit: Strenge Vorschriften aber hohes Maß an Sicherheit
Abschließend stellt sich natürlich die Frage: Übertreiben wir es in Deutschland mit der regulierung und den Vorschriften wie VDE, DIN & Co.? Anhand der Statistiken zu Stromunfällen und insbesondere der Todesfälle lässt sich eindeutig erkennen, dass die Sicherheit elektrischer ANlagen in Deutschland sehr hoch ist. Seit den 1970er Jahren ist die Zahl der Todesfälle durch elektrischen Schlag in Deutschland von 250 auf mittlerweile nur noch 23 pro Jahr gesunken. Gleichzeitig ist die Elektrifizierung stark vorangeschritten und wir haben heute ein vielfaches mehr an elektrischen Geräten und Anschlüssen im Haushalt. Dass wir trotzdem immer weniger Todesfälle haben liegt vorallem an dem starken Fokus auf Sicherheit in unseren Normen.
Gleichzeitig bin auch ich der Meinung, dass wir uns in vielen Bereichen wieder mehr Eigenverantwortung und Pragmatismus erlauben sollten. Müssen wir wirklich die Anzahl von Leitungsschutzschaltern pro Fehlerstromschutzschalter vorschreiben? Muss die größe eines Stromkreisverteilers wirklich vorgeschrieben sein, oder wäre es nicht auch möglich, dass die Elektrofachkraft selbst entscheidet welche Größe sie für die richtige hält?
Hier wäre ein Fokus auf Sicherheit und mehr Vertrauen in unser Elektrohandwerk sehr wünschenswert.
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